Kolumbiens Kaffeedreieck

Kolumbiens Kaffeedreieck

Weltreise Tage 286-289 (13.08-16.08)

Wir brauchen Ruhe, so richtiges Nichtstun. Wir wollen nichts angucken, nirgends hochklettern und auch nirgends runter gucken. Wir wollen in der Hängematte liegen und lesen, es tut auch eine Sonnenliege oder ein Schaukelstuhl. Wir sind da nicht wählerisch. Also fahren wir mitten rein ins Kaffeedreieck. Wir haben drei Nächte auf einer Kaffee Finka gebucht – zum Nichtstun.

Morgens müssen wir dort aber erst mal hinkommen. Im Hostel hat Paola gerade ein bisschen Luft und fährt uns kurz zum Bahnhof. „Wenn nicht viel los ist, mache ich das eigentlich immer,“ sagt sie. Super nett! Am Busbahnhof angekommen bedanken wir uns artig und setzten uns in die Warteschlange. Richtig! Die Schlange hat sich nämlich entlang der Bank formiert – sehr praktisch. Neben uns setzt sich ein älterer Herr der gleich beschließt, uns unter seine Fittiche zu nehmen und passt auf uns auf. Als der Bus kommt und ich nicht gleich meinen Rucksack aufsetzte, gibt er mir den guten Rat, mich doch mal zu beeilen und schnell in den Bus zu springen. Als Hanno noch unsere großen Rucksäcke verstaut und ich drinnen schon einen Platz für ihn reserviere, verscheucht der nette Herr auch noch einen Mitreisenden für mich, der sich gerade auf Hannos reservierten Platz setzten wollte. Wirklich nett, diese Kolumbianer.

Vollbremsung auf der Schnellstraße

Die Busfahrt nach Armenia läuft gut und dort fragen wir uns zu dem Bus nach Quimbaya durch. Der Busfahrer ist sogar so nett, und geht unsere Tickets für uns kaufen, denn diesmal zahlt man nicht direkt im Bus, sondern am Schalter. Unsere Unterkunft hat uns mehrmals geschrieben, dass wir dem Busfahrer unbedingt sagen sollen wir möchten bei Santana aussteigen, dann würde er dort auch halten. Also sage ich mein Sätzchen auf und der Busfahrer nickt: „Klar kann ich da halten, kein Problem.“

Wir verfolgen die Fahrt dann trotzdem auf unseren Handys. Sicher ist sicher. Als Santana näher rückt machen wir uns schon mal bereit. Gleich hält er bestimmt an… Aber der Bus rast mit gleichbleibender Geschwindigkeit an Santana vorbei…Ups. Ich renne zum Fahrer vor und bitte ihn anzuhalten. Er schaut, ein Licht scheint ihm aufzugehen, und legt ‘ne Vollbremsung hin, mitten auf der Straße. “Da hab ich doch glatt vergessen anzuhalten,” murmelt er beim aussteigen, denn obwohl er mitten auf der Straße steht, wollen die Rucksäcke trotzdem hinten rausgeholt werden. Pedro, der Sohn der Besitzerin den wir auf halber Strecke angerufen haben, steht schon da und fährt uns die restliche Strecke mit seinem Auto zur Finka und dann sind wir mitten im Kaffeedreieck.

Finca Laurel

Der erste Eindruck der Finka ist ziemlich gut. Das alte Haus ist in Gelb und Blau angestrichen und mit Antiquitäten eingerichtet. Unser Zimmer ist ziemlich groß, wenn auch ein bisschen dunkel und erinnert uns beide an einen Urlaub bei Oma. Schwere Holzmöbel und Spitzendeckchen stehen und liegen überall rum. Das Zimmer hat zwei Türen von denen man jeweils auf die umlaufende, überdachte Veranda kommt – das Beste an der ganzen Finka, wie wir finden. Hier stehen Schaukelstühle, Hängesessel und Sofas zum rumlümmeln bereit. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein und haben dem entsprechend die ganze Veranda für uns allein.

Es ist inzwischen Mittag geworden und da wir gelesen hatten, dass man gegen Aufpreis leckeres Essen gekocht bekommt, haben wir uns um Snacks diesmal keine Gedanken gemacht – ein großer Fehler, wie sich schnell herausstellen sollte. „Gibt es die Möglichkeit etwas zu essen zu bekommen?“ Frage ich die Köchin zaghaft. „Was möchtet ihr denn?“ „Was gibt es denn?“ „Obst.“ „Klar, klingt gut…“ Dann kommt Pedro und fragt uns ob wir vielleicht ein Sandwich wollen. Das klingt noch besser, nehmen wir. Fünf Minuten später steht er wieder bei uns auf der Matte. „Tut mir Leid, aber wir haben kein Brot.“ Warum fragt er dann? Also halt doch nur Obst. Allerdings bestätigt uns Pedro schon mal, dass das mit dem Abendessen um 19 Uhr klar geht. Sehr gut!

Man sollte alles nicht so genau nehmen

Gegen Nachmittag kommt dann Maria, die Besitzerin der Finka, und stellt sich vor. „Wann wollt ihr denn morgen frühstücken? „So gegen 8:30 Uhr wäre schön.“ „Passt auch 9 Uhr?“ „Klar, wenn es nicht anders geht.“ „Und euer Abendessen heute Abend serviere ich um 18:15 Uhr nicht um 19 Uhr, denn danach will ich in die Stadt, ist das OK?“ Na, das fängt ja gut an…klar sage ich ja. Ein frühes Abendessen ist besser als kein Abendessen. Wir sind gespannt was die nächsten Tage so bringen.

Wir verbringen die nächsten Stunden entspannt auf der Veranda, bekommen sogar noch einen Kaffee von der eigenen Plantage und machen einen Spaziergang die Straße runter zu einem kleinen Kiosk. Heute Abend macht Pedro uns nämlich den Whirlpool an und dafür hätten wir gerne ein Bier. Gegen 18:15 Uhr begeben wir uns dann ins Esszimmer. Maria ist noch wild in der Küche am rumfuchteln und ruft rüber, dass es noch ein paar Minuten dauern würde. Kein Problem, wir wollten ja sowieso erst um 19 Uhr essen… Das wird es dann auch auf fast, aber dafür ist das Essen wirklich lecker.

Nachdem Essen heißt ist Whirlpool Zeit. Es ist auch etwas kühl geworden und wir freuen uns auf einen schönen warmen Pool. Nur dummerweise hat Pedro die Zeit etwas verpeilt, oder wir haben ihn nicht richtig verstanden, warm ist da nämlich gar nichts. Na gut, unser neuer Plan ist es, die Füße rein zu tunken und dann einfach wieder auf die Veranda zurück zu wandern. Dummerweise kommt Pedro gerade in dem Moment, als wir unseren Plan in die Tat umsetzten wollen und fängt an ein Lagerfeuer für uns zu machen. Also bleiben wir. Das Feuer wärmt uns auch ein bisschen und es wird gerade wirklich urgemütlich. Außerdem bilden wir uns ein, dass sich das Wasser doch noch ein bisschen aufwärmt und wir trauen uns sogar, komplett einzutauchen. Zumindest für eine Weile, dann verbringen wir die Zeit lieber vor dem warmen Feuer. Es wird noch ein wirklich schöner Abend, wenn auch anders als erwartet.

Wir lassen es uns gut gehen

Die nächsten zwei Tage verlaufen relativ gleich ab. Morgens gibt es irgendwann zwischen 9 und 9:15 Uhr Frühstück und danach ziehen wir uns in diverse Sitzgelegenheiten zurück. Manchmal überkommt uns das sportliche Ehrgeiz und wir rollen die Yogamatte aus, aber die meiste Zeit verbringen wir beim Lesen, Schneiden, Schreiben und Dösen. Gegen Mittag bekommen wir unser jetzt schon traditionelles Obst (Es wurde uns nie wieder ein Sandwich oder so angeboten). Allerdings ist Mittag auch ein dehnbarer Begriff. Mal ist es 14 Uhr und einmal 15:30 Uhr, weil man uns vergessen hatte. Der Nachmittag gleicht dem Vormittag dann sehr und gegen 19 Uhr gibt es Abendessen, das wirklich immer sehr lecker ist.

Die Tage im Kaffeedreieck sind, trotz der LKWs die direkt hinter der Hecke neben unserer Veranda auf der Straße zu und von den Feldern fahren, der Parties und lauten Musik auf den Nachbargrundstücken, wirklich sehr entspannt und erholsam. Trotzdem fühlen wir uns ein bisschen Fehl am Platz. Gerade Maria, die Besitzerin ist uns nicht ganz geheuer. Wir wissen nie so genau, woran wir sind, wenn wir zum Beispiel nach ein bisschen mehr Trinkwasser fragen. Kein wirklich schönes Gefühl wenn man als zahlender Gast irgendwo übernachtet.

Vielleicht liegt es daran, dass Maria einfach keine sehr einladende Art hat, schroff wirkt und etwas mürrisch guckt. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie uns ganz böse anschaut, als sie uns am dritten Tag bittet ihr die Pässe zur Registrierung zu geben – als wäre es unser Versäumnis, dass wir das nicht schon gleich am ersten Tag, ungefragt, getan haben. So oder so, der Aufenthalt hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Daran kann auch die schöne Kaffeetour und der Ausflug zu Marias sehr netten Eltern nichts ändern….

Die Kaffeetour

Wir haben mit Pedro abgemacht, dass er uns eine kleine Tour über die Farm gibt, wenn wir schon mal hier sind, wollen wir natürlich auch mal so richtig echten Kaffee gesehen haben. Irgendwann nach dem Frühstück geht es los. Die Farm hat 4 Standbeine. Am offensichtlichsten ist natürlich der Kaffee, aber vorher zeigt er uns noch die anderen drei. Als erstes geht es zu der Bananen und Platanen Plantage, die wachsen nämlich direkt am Haus. Auch der Bio-Garten wo Gemüse angebaut ist, liegt direkt neben dem Haus, das zweite Standbein ist aber eher für den persönlichen Gebrauch. Nummer 3 sind die Kakaobäume. Schon ziemlich cool, so eine Frucht mal in echt zu sehen, leider war gerade keine reif, wir hätten zu gerne mal frischen Kakao probiert.

Zum Schluss zeigt uns Pedro dann die Kaffeesträucher. Er erklärt uns kurz, welche Kaffeekirschen reif sind und welche noch am Strauch hängen bleiben sollen und drückt uns dann jeweils einen Eimer in die Hand. „Jetzt seit ihr dran, viel Spaß beim ernten.“ Während wir die dunkelroten und vertrockneten Kirschen in unsere Plastikeimer schmeißen erzählt er uns, das sie mehrmals im Jahr ernten, je nachdem wann die Kirschen reif werden, aber die größte Ernte ist im August/September. Ihr fragt euch bestimmt gerade, warum wir vertrocknete Kirschen ernten, oder? Haben wir uns auch. Da wohnt ein kleiner Wurm drin, der die Kirsche aufgefressen hat, deshalb ist sie auch vertrocknet. Der Wurm soll nach Möglichkeit natürlich nicht weiter wüten können, deshalb werden die mit geerntet und später aussortiert.

Eine Kakaofrucht…
…und der Kaffee!

Um uns den nächsten Schritt im Kaffeeprozess zu erklären, fahren wir mal eben auf die Finka seiner Großeltern. Da werden die Kirschen nämlich getrocknet und verarbeitet, bevor sie in Salento geröstet werden. Erst mal werden sie aber sortiert. Die schönsten und rotesten Kirschen sind die erste Auslese, sie werden für den Export Kaffee verwendet. Die mittelroten Kirschen sind die zweite Auslese, und die hässlichen und verschrumpelten werden nicht weggeschmissen sondern sie werden zu dem günstigsten Kaffee verarbeitet.

Dann werden sie entweder mit oder ohne Haut, gewaschen oder ungewaschen getrocknet. Das soll dem Kaffee verschiedene Aromen geben. Wir probieren später einen der mit Haut getrocknet wurde und er schmeckt tatsächlich süßlich, nach Honig. Die trockenen Kirschen werden dann nach Salento in die Rösterei geschickt. Und wie praktisch, dass sie nicht an irgendeine Rösterei gehen, sondern an eine die dem Onkel von Pedro gehört. So bleibt der gesamte Profit in der Familie. Und wisst ihr wie die Rösterei heißt? Erinnert ihr euch noch an das Café wo wir in Salento gefrühstückt haben? Das Jesus Martin? Das ist nicht nur ein Kaffee sondern auch eine Rösterei und die gehört zufällig Pedros Onkel. Als wir das hören, sind wir erst mal baff. Was für ein Zufall! Das hätte man ja gar nicht besser planen können und dabei war es wirklich nur ein riesiger Zufall! Wie cool das wir gerade geholfen haben, den Kaffee zu ernten, den wir noch vor ein paar Tagen getrunken haben.

Bei der Kaffeeverkostung auf der Farm lernen wir dann auch Pedros Opa kennen, den Patriarchen der Familie. Vor uns steht ein 87 jähriger Mann, perfekt in hellem Anzug und Hut gekleidet und er setzt sich spontan zu uns und trinkt einen Kaffee mit. Wir quatschen über dies und das, ein bisschen in Englisch und ein bisschen in Spanisch und am Schluss haben wir den Herrn nach Hamburg eingeladen und er sagt fröhlich zu. „Wann genau ich komme, weiß ich noch nicht, aber ich komme.“

Die Kirschen beim Trocknen
Das ist die Finka der Großeltern

Adios

Am Tag unserer Abreise steht uns die Busfahrt ein wenig bevor, wir wissen ja was uns erwartet. Aber erst mal müssen wir nach Armenia kommen. Wie es der Zufall will, wollen Pedro und Maria heute auch dort hin, und sie nehmen uns spontan mit. Um 11 Uhr geht unser Bus und wir wollen um 9:30 Uhr los fahren. Um 9:45 Uhr erscheint dann auch Maria am Auto, im Arm einen riesigen Blumenstrauß. „Den bringen wir noch kurz bei meinen Eltern vorbei.“ Na gut. Wird schon alles gut werden. Außerdem mochten wir den alten Mann ja gern.

Die Wartezeit am Auto haben uns die drei Jungs versüßt

Eigentlich wollten Hanno und ich im Auto warten, Maria will ja nur kurz die Blumen reinbringen – 5 Minuten, max.! Der Großvater erkennt uns und lässt keine Wiederrede zu. Er will ein Erinnerungsfoto und wir steigen aus. „Wollt ihr einen Kaffee?“ „Nein danke, wir fahren ja gleich weiter.“ „Bringt den beiden mal einen Kaffee.“ Hmmm…dann also doch Kaffee. Fünf weitere Minuten gehen dann beim Foto machen ins Land. Jetzt hat nämlich auch die Großmutter Blut geleckt und möchte ihr eigenes Erinnerungsfoto auf ihrem Handy haben, das will aber erst mal gefunden werden. Dann schreiben wir noch unsere Adresse an, ihr erinnert euch, der Herr will uns besuchen, und irgendwann sind alle Fotos im Kasten, alle Adressen aufgeschrieben und wir wieder im Auto. Nur Maria fehlt noch. Langsam schaut auch Pedro etwas nervös auf die Uhr und drückt kräftig auf die Hupe. Da kommt Maria angelaufen, entschuldigt sich fleißig und erzählt uns im gleichen Satz, dass wir noch massig Zeit haben.

Unser Abschiedsfoto mit Oma und Opa

Sie sollte Recht behalten. Wir sind ja schließlich in Kolumbien. „Tranquilo“ ist hier das Lebensmotto. Wir kommen noch mit genug Zeit am Bahnhof an um Geld abzuheben, Maria den noch ausstehenden Rechnungsbetrag in die Hand zu drücken, Proviant zu kaufen und die örtlichen Toiletten zu besichtigen.

Die Fahrt zurück nach Medellín ist dann auch genauso schlimm wie befürchtet, nur dass wir diesmal schon drauf eingestellt sind und es erwartet haben. Irgendwann abends kommen wir irgendwie im dunklen am Südbahnhof an und gehen auf Taxisuche. Dem ersten Fahrer wollen wir nicht glauben, dass ein Taxi zum Flughafen teurer ist als vom Flughafen, aber als der zweite uns das bestätigt, müssen wir wohl oder übel mit spielen und steigen ein.

Hostal El Hangar

Nein, wir fliegen nicht heute schon weiter, aber morgen ganz früh, um 7 Uhr. Ich bin ja nicht so der Frühaufsteher und da wir sowieso nur irgendwo ein Bett zum schlafen brauchen, machen wir das direkt neben dem Flughafen, in einem Hostel, dass uns ziemlich überrascht. Es ist sauber, hat ein bequemes Bett, warmes Wasser und einen kostenlosen Shuttle zum Flughafen, der rund um die Uhr fährt. Die Location ist zwar etwas verrückt, direkt neben einer Tankstelle, aber wir wollen hier ja nicht unsere Urlaub verbringen, sondern nur schlafen. Es gibt sogar ein Restaurant, wo wir noch einen Burger bekommen. Nachts hören wir auch gar keine Flugzeuge. Es hätte kaum besser kommen können, in unserer letzten Nacht in Kolumbien. Morgen fliegen wir nämlich nach Panama! Hurrah!!

Unsere Unterkunft

3 Nächte in der Finka El Laurel für 43,74 €/Nacht

1 Nacht im Hostal El Hangar für 23 €/Nacht

Carola

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