Potosí und der Cerro Rico

Potosí und der Cerro Rico

Weltreise Tage 224-225  (14.06-15.06)

Wir haben gerade unsere Schlafanzüge angezogen und sind im Begriff unter unsere Deckenberge zu schlüpfen, da hören wir draußen Pauken und Trompeten. Eine Parade! Hanno und ich schauen uns entschlossen an und haben in Rekordzeit Jacke, Schuhe, Mütze und Handschuhe über die Pyjamas gezogen. Das lassen wir uns nicht entgehen!

Die Blockade

In Bolivien zu reisen ist ja nicht ganz so einfach. Aber heute morgen geht alles klar. Aus Uyuni kommen wir schon mal raus. Wir haben zwar von Blockaden in Potosí gehört, aber darüber machen wir uns dann Gedanken wenn es so weit ist. Erst mal fahren wir drei Stunden in einem sehr kalten, aber recht bequemen Bus. Kurz vor dem Ziel, dann die fast schon erwartete Ansage vom Schaffner. „Weiter können wir nicht fahren. Die Stadt ist abgesperrt. Hier müssen alle raus.“ Es sind noch 2,4 km bis zum Ziel – bergauf, auf 4000 Höhenmetern. Da hilft nur Rucksäcke auf und langsam einen Schritt vor den anderen. Wir reisen übrigens mit Jan und Eileen, die sind zufällig im gleichen Hostel.

Es war sehr kalt!

Hinter der ersten Kurve dann die Blockade. Die Straßen sind mit Seil abgesperrt, davor sitzen Frauen die stricken und häkeln. Alles mega entspannt. Es herrscht fast so etwas wie Volksfeststimmung. Die Menschen nutzen die Auto-leeren Straßen zum bummeln und an jeder Ecke werden kleine Leckereien verkauft. Gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, frische Säfte…wie auf ’nem Rummel.

Stricken und häkeln während des Streiks, wäre ja sonst auch unproduktiv
2,4 km bergauf 

McDonalds in Potosí

Unser Hostel liegt direkt in der Altstadt. Die Location ist super und nach einigen Pausen um zwischendurch mal ein bisschen Luft in unsere Lungen zu pumpen, kommen wir auch an. Schnell einchecken und dann neben an zur lokalen McDonalds Filiale zum Mittagessen. McDonalds fragt ihr? Wie können die nur. Nee, ist natürlich gar keiner. Hier hat sich nur ein cleverer Ladenbesitzer mal eben das Logo „geborgt“. Eigentlich gibt’s hier bolivianische Salteñas, Empanadas und Humitas. Dummerweise ist die bolivianische Version, im Gegensatz zu den argentinischen, ziemlich süß und nicht so ganz unser Fall. Aber wir haben es mal probiert.

Den aufregenden Vormittag müssen wir erst mal verdauen und verbringen den Nachmittag im Bett, bzw. ich ziehe irgendwann für eine Weile mit meinem Laptop nach draußen in den Innenhof und setzte mich auf den Fußboden in die Sonne. Das Hostel ist zwar super schön, sauber und neu aber eiskalt! In den Zimmern ist es kälter als draußen. Wir haben vier Wolldecken auf dem Bett, aber an Armen, Händen und Gesicht bringt uns das halt trotzdem nichts, wenn wir uns nicht komplett unter die Decke verkriechen wollen, sondern auch ein bisschen was am Rechner machen wollen.

Der Innenhof von unserem Hostel

Wiedersehen

In Südamerika scheint jeder irgendwie die gleiche Reiseroute zu haben. So auch unsere komplette Salar Uyuni Truppe. Abends treffen wir uns also alle zum Abendessen. Nach so viel Zweisamkeit auf der Reise ist es tatsächlich auch mal wieder schön mit einer größeren Gruppe zusammen zu sein. Der Abend ist wirklich gemütlich und wir trauen uns trotz der Höhe an Bier ran. (Es geht zum Glück alles gut.)

Kann man zu viele Eier essen?

Der Tag beginnt mit lecker Eier Toast in der kleinen Hostel Küche. Jeder bekommt zwei Scheiben Toast, aus denen der Koch das mittlere Teil des Brots entfernt hat und ein Ei darin brät. Wer noch Hunger hat, bekommt noch ein Eier Toast. Wir haben natürlich noch Hunger und essen mal eben drei Eier zum Frühstück unser Cholesterin Spiegel dankt es uns. (Erst zu spät finden wir raus, dass es auch noch Marmelade gibt…)

Auf zum Busbahnhof

Bevor wir uns auf in die Stadt machen, brauchen wir noch ein Busticket nach Sucre. Der Busbahnhof ist ziemlich weit weg und nur per Taxi erreichbar, aber da die Buchungswebsite gerade spinnt bleibt uns halt nichts anderes übrig als hin zufahren. Also ab auf die Straße und Auto anhalten. Die Taxis sind relativ einfach mit einem Sticker auf der Frontscheibe markiert. So etwas Übertriebenes wie Taxi Schilder auf dem Dach braucht man hier nicht. Taxometer sind natürlich auch überbewertet und so fragen wir den Preis vor dem Einsteigen ab. 10 Bob (ca. 1,30 €) will der Mann und wir steigen ein. Auf dem Weg gibt’s noch ein paar Hinweise auf lokale Sehenswürdigkeiten – „Aqui hay cerdo a la cruz“. „Hier gibt’s Schwein am Kreuz“ (Eine Art Schwein über dem offenen Feuer zu grillen). Da haben sich die 10 Bob doch gelohnt!

Der Busbahnhof sieht aus wie ein Donut. Unten im Atrium gehen die Gleise ab und oben, auf einer Art runden Galerie sind die verschiedenen Anbieter. In Bolivien reicht es übrigens nicht einen Verkaufsstand mit schönen bunten Bildern zu besitzen, auf denen die Fahrtziele und Abfahrtszeiten stehen – Nein! Jede Verkäuferin ist gleichzeitig auch eine Ansagerin. Die nächste Fahrt der Firma wird nämlich in hoher Lautstärke durch die ganze Halle gerufen, immer wieder. In der Halle sind ungefähr 50 Anbieter. Man kann sich vorstellen was für Geräuschpegel hier herrscht.

Wir hatten uns vier Busunternehmen im Netz rausgesucht, die wohl als sicher gelten. Keines der vier fährt von Potosí nach Sucre. Emperador bekommt letztendlich den Zuschlag, denn die fahren die Strecke, und wir zahlen 20 Bob pP (ca. 2,50 €), wieder ungefähr die Hälfte vom Internetpreis. Trotz Taxi zum Bahnhof wieder gespart.

Auf dem Weg zurück vom Busbahnhof haben wir noch ein Markt entdeckt und den Taxifahrer gebeten uns dort rauszulassen

Stadtbummel

Was macht man in Potosí, wenn man nicht in die Mienen möchte? Was andere machen, weiß ich nicht. Wir trauen uns das erste mal an Street food ran. Es ist nämlich so gut wie Mittagszeit und wir haben keine Lust auf Restaurant. Da kommen uns die Stände auf dem Platz vor dem Zentralmarkt gerade recht. Der Empanada Stand ist ziemlich gut besucht, also muss es da gut sein. Wir trauen uns jetzt einfach. Und was soll ich sagen, unsere 2 Bob (ca. 25 cent) pP sind fantastisch investiert – glauben wir zumindest. Wir bekommen jeder eine Empanada, dazu gibt es etwas Salat und soviel Soße wie wir wollen. Ich mag Soße, also gibt es bei mir viel. Sie sieht aus wie eine Art Vinaigrette – also ziemlich lecker. Was wir noch nicht wissen: die Bolivianer lieben Chilis. Diese Soße ist so scharf, dass es mich zum weinen bringt, ich Schweißausbrüche bekomme und mir der Atem weg bleibt. Die Empanada esse ich aber samt Soße trotzdem auf. So lecker ist das, was ich meine noch zu schmecken! Hanno geht es übrigens ähnlich, allerdings muss er nicht weinen.

San Francisco

Wie in fast jeder südamerikanischen Stadt die was auf sich hält, gibt es auch in Potosí eine San Francisco Kirche. Hier kann man eine Tour durch Kirche, Krypta, und was uns besonders reizt, über die Dächer der Kirche machen. Phänomenal – raufklettern und runter gucken. Das hier ab 13 Uhr überall Siesta ist, wissen wir ja inzwischen, also sind wir um ca. 12 Uhr bei der Kirche…und stehen vor verschlossenen Toren. Es ist nämlich Samstag und Samstag gibt es nur Vormittags Führungen. So ein großer Mist! Also gehen wir erst mal zurück zum Hostel um zu googlen wo man noch hochklettern und runter gucken kann.

Zum Glück werden wir fündig und sind bald schon wieder auf dem Weg zum Mirador de Compania de Jesus – einem Turm der früher einmal zu eine Kirche gehört hat. Die gibt es aber heute leider nicht mehr. Zum Glück steht aber der Turm noch und für ein Paar Bolivianos können wir hochklettern und runter gucken.

Der Cerro Rico

Das Haus des Geldes

Ein Ziel haben wir noch für Heute. Um 16:30 Uhr stehen wir pünktlich am Treffpunkt für die englische Tour durch die Münze von Potosí. Durch das viele Silber im Cerro Rico, war Potosí während der Kolonialzeit eine der wichtigsten Städte in Südamerika. Hier wurden die Münzen für das ganze spanische Reich produziert. Die Münzen waren so bekannt und begehrt, dass man sie sogar in China als Zahlungsmittel benutzen konnte.

Aber so toll die fertigen Münzen auch waren, der Weg dahin war es bestimmt nicht – zumindest nicht für die indigenen Menschen. Während die reichen Spanier alle in die nahe, aber viel niedriger gelegene Stadt Sucre zogen und die Geschäfte von dort erledigten (hier war die Luft und das Klima einfach besser), ließen sie die Einheimischen in dem Bergwerk und der Münze schuften. Um das Silber vom Stein zu trennen wurde Quecksilber verwendet. Man kann sich vorstellen, dass die Arbeiter nicht lange gelebt haben, um genau zu sein war die Lebenserwartung wenn man einmal mit dem Quecksilber angefangen hatte ca. 3-5 Monate. Heute verwendet man übrigens kein Quecksilber mehr. Den Job hat Zyanid übernommen und wenn der Wind im Winter schlecht steht, atmet die ganze Stadt das Zeug ein…Man sagt übrigens, dass die Spanier in der Kolonialzeit soviel Silber aus dem Berg abgebaut haben, dass man damit eine Brücke von Bolivien nach Spanien bauen könnte. Coole Vorstellung – und ganz schön viel Silber!

Was wir auch gelernt haben: Die Amerikaner haben sich 1865 das Zeichen auf den Potosi Münzen als Vorbild für das Dollarzeichen genommen. Sie wollten auch eine Währung schaffen die so weit verbreitet ist, wie die Silbermünzen aus den Anden. Die beiden Striche im Zeichen stehen für jeweils die alte und die neue Welt. (der rechte für Europa, der linke für Amerika) Das S ist ein Seil, dass sich um beide Pfeiler windet und damit beide Welten verbindet. Genauso hatten es damals auch die Spanier mit ihrer Münze gehalten. Die Kodierung für Potosí war nämlich PTSI. Legt man die Buchstaben übereinander, bilden T und I die Pfeiler und S das Seil. Das ist natürlich nur eine der Theorien um das Dollarzeichen, uns hat sie aber gefallen.

Und noch ein kurioser Fakt: Potosí und der Cerro Rico sind seit den 80igern UNESCO Weltkulturerbe, sind aber kurz davor den Titel wieder zu verlieren. Denn in einem Weltkulturerbe darf nicht gearbeitet werden (Ausnahme sind natürlich ganze Städte), aber im Cerro Rico arbeiten ca. 15.000 Menschen. Außerdem werden die alten Kolonialhäuser Stück für Stück „modernisiert“, das heißt teilweise abgerissen oder mit ziemlich fragwürdigen Glasfassaden versehen. Tja, so kann man sich natürlich auch selber des Titels berauben. Mal sehen ob sie es irgendwann noch kapieren.

Mit einem wunderbaren letzten Fakt hat uns unser Guide dann entlassen. Die Münze, die in der Kolonialzeit das Geld für die ganze Welt geprägt hat, wurde 1951 geschlossen. Heute produzieren Chile und Kanada die Münzen für Bolivien und Frankreich druckt die Scheine…so kann’s gehen.

Diese komische Maske ist das Wahrzeichen der Münze. Keiner weiß aber genau was sie aussagen soll. Der Künstler hat nie eine Erklärung gemacht

Zielloses umherlaufen

Zwischen unseren Touren und Aktivitäten verbringen wir den Tag mit rumbummeln und ziellos umherlaufen. Uns gefällt die Stadt wirklich gut. Man merkt ihr zwar an, dass ihre Bewohner nicht besonders viel Geld haben, aber sie hat ihren ganz eigenen Charme. Die Häuser sind teilweise noch wirklich schöne, alte Kolonialhäuser und müssten nur mal ein bisschen renoviert werden. Wir laufen gerne durch die kleinen Straßen und Gassen und lassen uns einfach treiben. 

Irgendwo ist immer eine Parade

Auf dem Markt kaufe ich uns noch eine Tüte Cocablätter. Die Höhe hat mir doch ein bisschen zugetan und Coca-Tee soll ja angeblich helfen (es ist wohl eher der Placebo Effekt, denn wie wir später erfahren sollen, bringt der Tee überhaupt nichts. Man muss die Blätter schon kauen.) Nachtmittags gibt es noch eine Art Schmalzkuchen mit Puderzucker vom gleichen Platz wo es mittags schon die Empanada gab. Ein wunderbares Konzept übrigens – anscheinend wechseln die Stände hier je nach Tageszeit, man muss also nie lange nach etwas neuem zu Essen suchen, sondern einfach nur die Tageszeit abwarten und schon materialisieren sich neue Leckereien direkt vor einem. Wer glaubt dass wir uns nicht gesund ernähren, dem soll gesagt sein, dass wir natürlich auch noch die Marktstände in den Straßen besucht haben. Hier kaufen wir noch Orangen, Mandarinen, Bananen, Yogurt, Walnüsse – und gebrannte Erdnüsse (na ja, ein bisschen Naschwerk darf’s schon sein.)

Den Freund haben wir auch auf dem Markt entdeckt
Irgendwie ist hier immer und überall Markt

Kurzer Zwischenruf: Die Mienen

Vielleicht muss ich kurz noch mal ein bisschen ausholen was die Mienen betrifft. Potosí ist wegen des Cerro Rico bekannt. Der „reiche Berg“, wie ihn die Bolivianer nennen, liegt unmittelbar neben der Stadt. (Eigentlich liegt die Stadt direkt neben dem Berg, der Berg war ja zuerst da). Und in diesem Berg gibt es unglaublich viele Erdschätze – Silber, Kupfer, Eisen, Zinn. Früher, vor hunderten von Jahren so die Legende, musste man nur ein Feuer irgendwo am Berg machen, und die Metalle sind so herausgeflossen. Heute, nach gut 400 Jahren Bergbau gibt es nur noch ganz unten was zu holen und das Innere vom Berg sieht aus wie ein Schweizerkäse.

Es gibt Touren durch einige der Schächte, damit Touristen einen Eindruck von der Arbeit dort gewinnen können. Die Sache ist allerdings etwas kontrovers. Die Touren werden von ehemaligen Bergwerkarbeitern geführt. Also je mehr Touren, desto weniger Leute müssen in den Berg. Anderseits bringt man den Arbeitern auch kleine Geschenke mit, unterstützt sozusagen diese gefährliche Arbeit. Dazu kommt, dass der Berg nicht gesichert ist und theoretisch jederzeit einstürzen könnte. Klar, die Chance ist ziemlich gering, aber uns hat es gereicht uns dagegen zu entscheiden.

Die Geschenke die man den Arbeiten mitbringt, sind übrigens keine Zigaretten oder vielleicht etwas zu essen. Nein, man bringt ihnen Dynamit und 97% Alkohol mit. Das Dynamit brauchen sie um weitere Tunnel in den Berg zu sprengen, den Alkohol brauchen sie zum trinken. Anders ist die Arbeit da unten anscheinend nicht auszuhalten. Die Bergwerkarbeiter haben übrigens nur eine Lebenserwartung von rund 48 Jahren – durch das Einatmen von Feinstaub. Ein wirklich hartes Leben.

Fernsehen zum Essen

Abends finden wir noch ein urgemütliches kleines Restaurant, in dem wir uns wie bei Freunden fühlen. Der Besitzer sitzt am Nebentisch, vor einem Zettelberg, während auf dem alten Röhrenfernseher der Copa Americana läuft. Es gibt lecker Suppe und Ofengemüse zum aufwärmen und dann geht’s schnell unter den Deckenberg in unserem eisigen Zimmer. 

Wir haben gerade alle unsere Decken positioniert, da hören wir draußen laute Musik, eine Parade? Wir schauen uns kurz an und der Entschluss ist gefallen. Schuhe, Jacken, Mütze an und raus. Es sind nur Jungs und sie sehen noch ein bisschen aus als würden sie üben – haben auch alle Schuluniformen an und keine Kostüme. Es ist ziemlich cool. Je länger die Parade dauert, desto besser werden die Gruppen. Als das Ende in Sicht ist, schlüpfen wir schnell wieder ins Hotel. Ich frage noch kurz nach was das für ein Event war. Im August feiert die Stadt Potosí ein riesen Fest. Heute war sozusagen eine Übungsparade, damit die Jungs schon mal wissen wie das so ist, bei so etwas mitzumachen. Echt cool!

Unsere Unterkunft

2 Nächte im Hostal Faroles für 22€/Nacht

Carola

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